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Brunnenfest

Zu diesem Text der Jahreslosung fand heute in Schönebeck (Elbe) im Rahmen des Brunnenfestes (eine Art Jahrmarkt) ein öffentlicher ökumenischer Gottesdienst statt.

Claudia hielt die Predigt - wenn wir die Zeit finden, werden wir sie hier noch einmal einsprechen. 

Die andere Herausforderung war die Fürbitte, die wir ebenfalls zu gestalten hatten.  Es ist gar nicht so leicht, Fürbitten für eine große christliche Zuhörerschaft aus unterschiedlichen Kirchen, plus einigen säkularen Besuchern zu formulieren, die dem Anliegen des Gottesdienstes entsprechen. Hier unser Ergebnis - als Anregung und zur ganz persönlichen Reflexion ... oder sogar zum Mitbeten. Es wurden fünf Fürbitten formuliert, die von Vertretern von fünf verschiedenen Kirchen gebetet wurden.

Die erste Fürbitte orientiert sich ganz klar am Text und aktualiisert die Geschichte der Hagar, mit iherer ganz unmittelbaren Gewalterfahrung, die sich bis heute in zahlreichen Familien findet und gerade im kirchliche Umfeld viel zu selten benannt wird.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Die Geschichte der Hagar scheint so weit weg und ist doch so nah. Frauen und Mädchen, die sexuelle, körperliche und emotionale Gewalt erleben, die nicht mehr ein noch aus wissen, sind mitten unter uns. Am liebsten wollen wir das gar nicht wahrnehmen. Lass uns ihr Klagen hören, wie du hörst.

Herr, erbarme dich.

Die zweite Fürbitte greift ein Thema auf, das gerade in den neuen Bundesländern häufig - und besonders berechtigt thematisiert wird. Die Altersarmut ist hier besonders weit verbreitet und Mindestlöhne bei arbeitenden Menschen stehen oft nur auf dem Papier. Unbezahlte Überstunden und prekäre Arbeitsverhältnisse verstärken die Wut gegen "die da oben". Gerade weil solches Wutbürgertum von Ideologen und Populisten missbraucht wird, muss sich Kirche für soziale Gerechtigkeit einsetzen.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Doch gibt es Menschen, die kaum über die Runden kommen, weil ihre Arbeitskraft ausgebeutet wird, oder die Rente für ein Lebenswerk einfach nicht reicht. Wie oft verstecken sie sich und ihre Armut. Lass uns sehen, wie du siehst.

Herr, erbarme dich.

Die dritte Fürbitte spricht die Not der Flüchtlinge und Ausländer an. Sachsen-Anhalt ist nicht gerade für Ausländerfreundlichkeit bekannt. Doch setzt sich die Stadt Schönebeck sehr bewusst für Flüchtlinge aus der Ukraine ein. Viele christliche Gemeinde kümmern sich auch um Flüchtlinge aus dem Iran. Das Bemühen um gegenseitiges Verständnis muss uns hier leiten.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Da gibt es Menschen, die sind aus Krieg, Zerstörung, Hunger zu uns geflohen, brauchen eine Unterkunft, Schutz, Geborgenheit. Sie können unsere Sprache noch nicht verstehen, geschweige denn sprechen, werden deshalb ausgegrenzt und misstrauisch betrachtet. Lass uns verstehen, wie du verstehst.

Herr, erbarme dich.

Die vierte Fürbitte spricht das "Othering" an. Menschen werden verlacht und entwürdigt, weil sie "anders" sind. Dieses Phänomen zeigt sich nicht allein in offenem Rassismus, sondern kennt viele Gesichter, die in der Fürbitte nur angedeutet werden können. Toleranz ist ein Begriff, der nicht mehr - wie ursprünglich - Leidens- und Duldungsbereitschaft ausdrückt. Deshalb wurde der Begriff "Respekt" - im Sinne einer bedingungslosen Wertschätzung und Zugewandtheit Menschen gegenüber verwendet.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Noch immer werden Menschen bei uns lächerlich gemacht und entwürdigt, weil sie anders leben, anders glauben, anders wählen, anders denken, anders lieben als wir. Lass uns begreifen, dass wir nicht der Maßstab aller Dinge sind. Lass uns einander in Respekt begegnen, wie du begegnest.

Herr, erbarme dich.

Die fünfte Fürbitte greift schließlich noch einmal alle vorherigen Fürbitten auf und wendet sie auf die eigene Person an. Denn alle vorher beschriebenen Erfahrung sind eben nicht nur "da draußen", sondern auch Teil des eigenen Lebens. Zugleich kulminiert hier die Fürbitte in der Bitte, Selbst- und Nächstenliebe zu erlernen.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Und wenn ich jetzt ganz still werde, dann spüre ich die Gewalt, die mir selbst widerfahren ist, die eigene Armut trotz allen Reichtums, und fliehe vor meinen Nöten und Ängsten, erkenne Dinge, die mir die Würde rauben. Befreie mich zum Dienen. Lass mich lernen mich und andere zu lieben, wie du liebst.

Herr, erbarme dich.

 Zwischen den Fürbitten erklang eine Liedzeile des Refrains aus dem Lied: Du bist ein Gott, der mich sieht. Das Fürbittgebet wurde mit einem gemeinsam gesungenen Vaterunser abgeschlossen.