Ratko Mladić ist tot. Er starb heute im Alter von 84 Jahren in einem Gefängnis von Den Haag. Die Nachricht kam gerade in den Nachrichten … und haben mich getriggert.

Der ehemalige bosnisch-serbische General und verurteilte Kriegsverbrecher wurde als einer der Hauptverantwortlichen des Massakers von Srebrenica und wegen weiterer Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Lange hatte er sich dem Gerichtsverfahren entziehen können, doch 2011 hatte ihn seine Vergangenheit eingeholt. Die Geschichte seiner Festnahme, seines Prozesses, seiner Bemühungen um Freilassung … lassen zu keinem Zeitpunkt Einsicht, geschweige denn Reue erkennen.

Über Mladić zu urteilen oder aufgrund seines Todes „nachzutreten“ liegt mir fern. Getriggert wurde bei mir etwas ganz anderes. Was bleibt? Hat es sich gelohnt, unzählige Menschen zu quälen, zu töten – weil sie Muslime waren? War er in seiner Selbstwahrnehmung der „Held“, für den ihn viele Serben gehalten haben? Politik und Kriegsgeschehen sind immer komplexer, als sie nach außen hin scheinen. Gab es auch den „Menschen“ Mladić?

Seine Tochter hatte er durch Suizid verloren. Verübt mit seiner Waffe. Freilich hat er nie einen Suizid glauben mögen. Was bleibt? Letztendlich Tragik – in jede Richtung. Und ich denke weiter.

Nationalismen und Feindseligkeiten gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen feiern gerade fröhliche Urständ auf dieser Welt … von den USA bis nach Deutschland, bis nach Sachsen-Anhalt.

Da werden Menschen auf offener Straße von Vermummten mit Waffengewalt festgenommen und in KZ ähnliche Gefangenenlager gebracht, weil sie angeblich illegal im Land seien (was in vielen Fällen nicht einmal stimmt), einige werden kaltblütig erschossen, andere kommen in den Lagern um. Und zahlreiche Amerikaner finden das richtig.

Da muss sich eine Uniklinik von einem Oberarzt öffentlich distanzieren, weil der in den sozialen Medien von „Heizmasse“ spricht (gemeint sind Ausländer) und „remigrieren oder kremieren“ fordert und über die Spareffekte des finalen Rettungsschusses spekuliert – als Palliativmediziner.

Da droht eine absolute Mehrheit für eine Partei, nicht obwohl sie sich ausländerfeindlich und rassistisch äußert, sondern weil. Hass und Hetze bestimmen das Land – nicht nur von einer Seite. Sündenbockerzählungen ersetzen sachliche Argumente.

Da wird Ratko Mladić, der mir seit jeher hasserfüllt und verbittert vorkam, nur eine Randnotiz.

Und plötzlich steigt ein Lied in mir hoch, das zu meinen Lieblingsliedern gehört: „Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.“

Lass ich mich anstecken von Hass und Empörung, von Grauen und Entsetzen? Wie sieht die Bilanz meines Lebens aus? Wofür möchte ich einmal erinnert werden? Ich möchte nicht „vergebens“ hier auf Erden sein. Was kann ich beitragen? Ich bin getriggert. Und bete.

 

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Foto: I, Evstafiev, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons