Es ist der 95. Geburtstag meiner Mutter. Obwohl sie schon vor 33 Jahren verstorben ist, erinnere ich mich an ihre Lieblingskantate von Bach: „Ich will den Kreuzstab gerne tragen.“
Gemeinsam mit Claudia hören wir sie an. Das Seufzen beim Wort „Kreuzstab“ auf dem berühmten Cis ist deutlich zu hören. Nicht nur in der Musik. Ein bisschen merkwürdig mutet eine solche Leidensbereitschaft schon an. Will ich das wirklich? Den Kreuzstab gerne tragen? Was für ein Gottesbild: „Er kommt von Gottes lieber Hand.“ Und doch … ich bin berührt, kann fast jedes Wort mitsingen, obwohl ich die Kantate Jahrzehnte nicht mehr gehört habe und als Kind ja auch nicht gerade jeden Tag.
Tauffoto meiner Mutter, mit Oma Irmgard B.„Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.“ Und sie fließen reichlich heute morgen, ungehindert, ungeniert – während die Erinnerungen hochkommen. Helma (mit vollständigem Namen: Griseldis Wilhelma Elsbeth Klara Charlotte Irmgard Cäcilie Dorothea Bochmann-Kreuzburg), meine Mutter, die heute 95 Jahre alt geworden wäre, wuchs in Nazi-Deutschland auf, durfte aber nicht zum BDM, was sie lange Zeit nicht verstand, durchlebte den zweiten Weltkrieg in Berlin, sah das Grauen des Todes, hörte es nachts, zumeist im Luftschutzkeller. Das Pfeifen und Bersten der Bomben, das sie später jedes Jahr zu Silvester wieder neu erschütterte…
Ich erinnere ihre Atemnot, das Pfeifen und Rasseln der Bronchien, das mich als Kind so oft aus dem Schlaf geschreckt hat und noch als Mann ein schier unerträgliches Geräusch geblieben ist. Asthma ist für mich der Inbegriff des Leidens. Und plötzlich höre ich die scheinbar endlose Wiederholung der Zeile: „Endlich, endlich wird mein Joch wieder von mir weichen müssen“ ganz anders. Diese Sehnsucht, diese Hoffnung. Geradezu verbissen. Und dann wieder: „da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, da wischt mir mein Heiland die Tränen selbst ab.“ Man muss die Musik von Johann Sebastian Bach im Ohr haben, um zu ahnen, wie tröstlich die Zeilen sind.
Den Schlusschoral, der laut Wikipedia sogar Inspiration zum Suizid werden konnte, höre ich kaum noch. Den Text hatte ich als Kind auch nicht im Ohr – Arien und Rezitativ reichten völlig, mich zu überfordern. Und ich weiß, es geht nicht um depressive Todessehnsucht, sondern um Sehnsucht nach Erlösung, um das Ziel, das mit dem Kreuzstab zu erwandern ist. Es geht nicht um die Verherrlichung des Leidens, sondern die Beschreibung der realen Erfahrung und letztlich Überwindung des Leidens.
Und so will ich das Leben feiern und mich getrost auf den Weg machen.