Mir war nicht bewusst, dass dieses drastische biblische Bild ausgerechnet aus dem Buch Hosea stammt. Und es läuft mir heiß und kalt den Rücken, wenn ich das gesamte Kapitel 8 lese.

Über die USA wird derzeit viel berichtet. Seit der kaltblütigen Tötung von Renee Nicole Good hört man gerade etwas weniger von den evangelikalen Trump-Verehrern. Aber es kann kein Zweifel bestehen, auch unter ihnen wird die Tötung eines Menschen überwiegend als gerechtfertigt verteidigt – gegen alle Beweise, gegen alle Vernunft. Wer Wind sät, wird Sturm ernten… Wer Hass sät, wird Gewalt ernten. Wer Menschen verunglimpft, verteufelt, verdammt wird irgendwann auch die Hemmungen verlieren, abzudrücken – gleich mehrfach und ins Gesicht.

Dabei ist das, was am 7. Januar in Minneapolis geschah, nur die Spitze des ICE-Berges. Die letzten Wochen und Monate fanden sich täglich neue Videos in den Sozialen Medien, die gewaltsame Übergriffe auf Menschen dokumentierten. Die feinen Unterschiede im Aufenthaltsstatus, die längst keine Rolle mehr spielen, ändern doch nichts an dem menschenverachtenden, unwürdigen Vorgehen, das Angst und Schrecken verbreitet und verbreiten soll – in Schulen, in Kindergärten, in Kirchen, auf offener Straße.

Können Christen dazu schweigen? Oder ist man automatisch „links“, wenn man für Menschenwürde eintritt und das Befolgen der eigenen Gesetze („due process“) von Staatsbeamten einfordert? Noch bis vor kurzem haben wir den Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft als ehrenwert gefeiert, mit Würde und Nachdenklichkeit. Das scheint vorbei. Christen beschimpfen sich gegenseitig in ziemlich übler Manier (und ja, das geht in beide Richtungen), wiegeln einander auf, stacheln einander an – nicht zu guten Werken, sondern zu hasserfüllten Reden über eine scheinbar gerechte / ungerechte Sache. Alles eine Frage der Sichtweise?

Längst wird gemutmaßt, dass das rigorose Durchgreifen der Staatsbeamten (inzwischen häufig verglichen mit der Gestapo und der SS … wobei mir historisch der Vergleich mit der SA stimmiger scheint) nur einem Zweck dient: Unruhen und bürgerkriegsähnliche Zustände zu provozieren, um die nächsten Wahlen („Midterm Elections“) zu verhindern, in denen die Regierenden ihre Macht verlieren könnten. 

Und genau an dieser Stelle beeindruckt mich das Geschehen in den USA: Bis jetzt ist eben nicht zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen gekommen. Und vielleicht muss ich schneller tippen, weil sich das jederzeit ändern kann.  Schon jetzt ist der verbale Widerstand , aus Verzweiflung, Ohnmacht und Wut höchst aggressiv – aber eben keine körperliche oder gar tödliche Gewalt gegen Menschen – auf Seiten der Protestierenden jedenfalls. Da haben 7 Millionen Amerikaner am „No-Kings-Day“ demonstriert. Gewaltsame Zwischenfälle sind nicht bekannt geworden. Da sind in Berlin, meiner Heimatstadt, ganz andere Optionen bekannt, wo Polizei- und Rettungskräfte mit verlässlicher Regelmäßigkeit mit Feuerwerkskörpern und Molotow-Cocktails angegriffen werden. Deshalb bin ich beeindruckt. Deshalb möchte ich Ermutiger sein ... 

Der Bibeltext, der Claudia und Andreas seit der Hochzeit täglich begleitet und übrigens auch an der Hinrichtungsstätte von Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg eingemeißelt ist, lautet: 

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
(2. Tim 1,7)

Furchtlos der Ungerechtigkeit zu widerstehen, lautstark und mit aller Kraft zu protestieren, aber motiviert durch Liebe für Menschen – Freunde und Feinde gleichermaßen – und maßvoll gefiltert durch Besonnenheit … das wünsche ich mir für die Menschen in den USA … für die Menschen in Deutschland … für mich.

 

Kyrie eleison.

 

 

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